Detroit Detroit
Erinnerung, Träume und ihre Soundscapes

Detroit, 2019: Ein Autounfall wird zum Ausgangspunkt einer Performance, die das Erlebte immer wieder neu erforscht. Irgendwo zwischen Realität, Videospiel und Bühne untersucht das Choreografie- und Performance-Duo Montserrat Gardó Castillo & Petr Hastik Prozesse des Erinnerns und nutzt dafür das Videospiel Grand Theft Auto als virtuellen Ort der Wiederaufführung.
Im Interview erzählen sie von der Faszination für diesen Vorgang, von der Rolle von Nostalgie in ihren Werken und ihrer Partnerschaft mit dem Soundkünstler Ted Gaier. Drei Mal wird Detroit im FFT zu sehen sein: am Donnerstag, 24., Freitag, 25., und Samstag, 26. September 2026, jeweils um 20 Uhr.
Detroit erforscht, wie sich Erinnerungen formen, verändern und mit Fiktion vermischen. Was interessiert euch an diesem Prozess und wie war es, immer wieder über das Geschehene nachzudenken?
Der Ausgangspunkt führt zurück zur Recherche für unsere letzte Arbeit, The Fall of Sleep, als wir begannen, mit einem Institut für Neurowissenschaften zusammenzuarbeiten. Was uns am meisten überrascht hat, ist, wie Erinnerung sich tatsächlich verhält. Sie ist viel weniger verlässlich, als wir angenommen hatten. Sie verhält sich außerdem vorhersagend und greift auf bereits Geschehenes zurück, um die Art und Weise, wie wir die Gegenwart verstehen und die Zukunft antizipieren zu formen. Erinnerung ist vielleicht auch weniger persönlich als wir denken. Besonders heute wird sie von Bildern und Fiktionen durchdrungen, die nie wirklich uns gehörten.
Detroit baut auf dieser Entdeckung auf. Was unsere Aufmerksamkeit aber genauso fesselt, ist die Ontologie des Unfalls selbst: wie Chaos das Leben unterbricht, das sich eine Sekunde zuvor noch kontinuierlich anfühlte. Dieses Gefühl der Kontinuität ist selbst ein Konstrukt, etwas das durch Erinnerung und Wahrnehmung in Echtzeit zusammengestellt wird. Wenn es bricht, verschwindet unsere Kontrolle und die Bedeutung muss kurzerhand neu organsiert werden. Wir wollten diesen Zusammenbruch in Verbindung mit Videospiel-Logiken bringen: Der Neustart, die konstante Verhandlung von Kontrolle zwischen Spieler*in und System.
Momentan vermeiden wir es, uns auf den Unfall selbst zu beziehen. Wir arbeiten uns eher durch den Kontext um ihn herum: Die Stadt, die Systeme, das Archiv. Wir probieren verschiedene Methoden der Wiederaufführung aus, ohne uns voreilig für eine kohärente, sedimentierte Version des Geschehenen zu entscheiden.
Nostalgie und Hauntology waren zentrale Themen in euren bisherigen Produktionen. Wie übertragen und entwickeln sich diese Ideen in Detroit?
Detroit ist unser persönlichstes Stück bisher. Unsere vorherigen Arbeiten befassten sich mit den Ruinen des sozialistischen Traums, den Wirkweisen von Nostalgie, dem Impuls, Grenzen zu überschreiten und der Neurowissenschaft von Schlaf und Wahrnehmung. Detroit führt diese Themen fort, allerdings dieses Mal mit einem konkreten Startpunkt: einem Autounfall. Der Autounfall als kulturelles Objekt hat seine eigene Tradition, von Ballard bis zum Akzelerationismus – ein Punkt, an dem Technologie, Geschwindigkeit und Körper zusammenlaufen und zugleich versagen. Die Auseinandersetzung mit Erinnerung anhand solcher Ereignisse interessiert uns gerade deshalb, weil sie sich einer klaren Erzählung verweigert.
Die Stadt fügt dem Ganzen eine weitere Ebene hinzu. Detroit ist möglicherweise das beste Beispiel für Hauntology überhaupt. Mark Fisher’s Beschreibung von verlorenen Zukunftsvisionen, die die Gegenwart heimsuchen könnte genau über diesen Ort geschrieben worden sein: die Ruinen des amerikanischen Kapitalismus, einer Automobilindustrie, die die Stadt zurückgelassen hat, eine Architektur, die ausgehöhlt ist und doch noch immer von dem erfüllt ist, was sie einst versprochen hat. Wir möchten an der Schnittstelle zweier Dinge arbeiten: der Erinnerung an ein Ereignis und der Erinnerung an einen Ort – beides unzuverlässig, beides wirkt nach wie vor nach.
Für Detroit arbeitet ihr wieder mit Ted Gaier zusammen. Was macht eure kreative Partnerschaft aus, und welche Soundscapes habt ihr dieses Mal entwickelt?
Ted’s Rolle in Detroit ist eher die eines Beraters als eines Komponisten. Das musikalische Konzept entwickeln wir mit dem Musiker Marcus Thomas. Unsere Zusammenarbeit mit Ted entstand aus einer Freundschaft und aus vorherigen Projekten in anderen Kontexten. Was ihn für uns unverzichtbar macht, ist eine seltene Kombination: Er kennt Musikproduktion und Musikgeschichte von innen, und er denkt politisch über beides. Sie kommen in seinen Werken nie getrennt vor, und deshalb ist unsere Zusammenarbeit für uns sehr wertvoll.
Für Detroit möchten wir uns auf Techno fokussieren und dessen Wurzeln als Sound aus Detroit zurückfordern. Wir arbeiten mit Schlaginstrumenten und rhythmischen Strukturen, mit Soundproduktion durch Materialien und mit der Technifizierung und Serialisierung von Sound. Prozesse, die die Logik des Fließbandes widerspiegeln, auf der die Stadt aufgebaut wurde. Wir beschäftigen uns auch mit dem Konzept eines Soundtracks: Was es bedeutet, wenn Musik ein Ereignis untermalt, das bereits stattgefunden hat, und wie diese Untermalung die eigene Erinnerung verändert.
Detroit
DO 24. – SA 26.9.2026, Bühne II
Palace of Memory
Workshop zu Detroit
DI 15.9.2026




